"Bildung muss ganz oben auf der Agenda stehen"
(Südwestpresse/NWZ; 10. Februar 2026; von Franziska Ruf)
Landtagskandidat Bernd Graßhof bewirbt sich für die Linke. Auf seiner Agenda stehen die Förderung von Kitas, günstiges Wohnen sowie Investitionen in Bus und Bahn.
Er hat einen ungewöhnlichen Weg gewählt, findet Bernd Graßhof. 40 Jahre lang diente er der Wirtschaft: arbeitete als Manager in der Metallindustrie, leitete bei dem Ulmer Unternehmen Wieland einen Bereich mit Standorten in Deutschland, China, den USA und Portugal und baute laut eigenen Angaben mit seinem Team einen Weltmarktführer auf. Er führte ein an Erfahrungen reiches Leben, sagt der 65-jährige Vater von fünf Kindern. Und jetzt: Engagiert er sich bei der Linken, bewirbt er sich für den Landtag. Will das System umkrempeln, das ihn geprägt hat.
„Politik neu gedacht“, steht auf seinem Wahlplakat. Als Gründe nennt er Klimawandel, unsichere Wirtschaft, bröckelnde transatlantische Beziehungen, gesellschaftliche Spannungen. So könne es nicht weitergehen. Der Kandidat im Wahlkreis Geislingen, der selbst in Göppingen wohnt, will längere Legislaturperioden im Bundestag, mehr Bürgerbeteiligung und ein neues Parteisystem: einen „progressiven Block“ aus Linke, SPD, Grüne, vielleicht auch ÖDP und Volt, sowie einen „konservativen Block“, etwa aus Teilen der CDU und AfD. „Zwei Blöcke, klare Fronten, das würde Bewegung in die politische Landschaft bringen“, ist er überzeugt.
Während Graßhof den großen Bogen spannt, gestikuliert er mit seiner Brille in der Hand, guckt ab und zu auf sein Tablet. Um den rechten Daumen und Zeigefinger kleben Heftpflaster – vom Bouldern, wie er erklärt. Graßhof hat viel zu erzählen. Schon vor dem Gespräch kündigte er an, dass die veranschlagten 60 Minuten nicht reichen würden.
Förderung von Bus und Bahn
Graßhofs Leitgedanke ist eine „enkeltaugliche Politik“: Eine Politik, in der Mensch und Natur wichtiger sind als Profite. Der Landtagskandidat fordert den Ausstieg aus fossiler Energie und spricht von Themen, welche die Menschen seiner Meinung nach nicht hören wollen: „Wir fahren im Durchschnitt zu viel Auto, wir heizen zu viel und falsch und essen zu kalorienreich.“
Verkehrspolitisch setze er auf Bus und Bahn und ein Deutschland-Ticket, das dauerhaft neun Euro im Monat kostet. Für die Region befürwortet er eine fristgerechte Umsetzung der Planung der S-Bahn-Verbindung zwischen Stuttgart, Göppingen und Geislingen (S10) im 30-Minuten-Takt und eine halbstündliche Verbindung zwischen Geislingen und Ulm im Rahmen der Regio-S-Bahn Donau-Iller. Wo der Schienenverkehr schwach ist, unterstütze er den Ausbau von Regiobussen.
Graßhof kritisiert die mehr als tausend unbesetzten Lehrerstellen in Baden-Württemberg und zehntausende fehlende Kita-Plätze, für die weitere tausende Fachkräfte erforderlich wären. Er fordert massive Investitionen vom Land, kostenlose Kitas, gebührenfreie Bildung bis zur Ausbildung oder Universität, Ganztagsbetreuung und kostenloses Mittagessen. Der Beruf des Erziehers müsse attraktiver gemacht werden, etwa durch das Gehalt, durch flexible Arbeitszeit-Modelle, kleinere Gruppengrößen und eine Erleichterung des Quereinstiegs. Das mehrgliedrige Schulsystem wolle er durch Gemeinschaftsschulen ersetzen. Bildung sei keine Ausgabe, sondern eine Investition, für die Kommunen mehr Unterstützung des Landes bräuchten. Die akute Problematik guter Bildung sei aktuell bei der Finanzierung des Gymnasiums im Notzental zu sehen. Das Land hätte hier alle Kosten übernehmen sollen. „Bildung muss ganz oben auf der Agenda stehen“, sagt Graßhof.
Auch beim Wohnen setzt Graßhof auf staatliche Lösungen: Eine Landeswohnungsbaugesellschaft solle jährlich 20.000 Sozialwohnungen bauen. Im Bereich Gesundheit lehnt er Klinikschließungen ab, stattdessen fordert er wohnortnahe Pflegestrukturen und für Geislingen einen sinnvollen Ausbau des Gesundheitszentrums Helfenstein.
Wirtschaftspolitisch sieht er drei Säulen aufseiten der Landespolitik: Betriebe bei Transformationen unterstützen, neue Branchen wie Wasserstoff, künstliche Intelligenz und Speichertechnologien ansiedeln sowie kleine und mittlere Unternehmen bei Innovation und Digitalisierung fördern. Für Geislingen brauche es ein eigenes Strukturprogramm: etwa einen Technologie‑ und Gründerstandort um die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen‑Geislingen (HfWU), die Förderung von Branchen wie erneuerbare Energien, Pflege‑ und Gesundheitswirtschaft, Tourismus und nachhaltige Mobilität.
Finanzieren möchte Graßhof all seine Pläne durch die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, eine gerechtere Erbschaftssteuer und konsequentes Vorgehen gegen Steuerhinterziehung. Außerdem fordert er, die öffentliche Verwaltung zu digitalisieren, gerade im Hinblick auf die in Rente gehende Generation der Babyboomer. Personal durch Digitalisierung einzusparen, würde dem Staat weitere finanzielle Spielräume schaffen.
Grüne? SPD? Linke!
„Ich bin kein Berufspolitiker, ich weiß nicht, ob ich mich überhaupt als Politiker bezeichnen würde – also ich bin es jetzt dadurch, dass ich einer Partei beigetreten bin und für ein Amt kandidiere“, erklärt Graßhof. Auch die Grünen oder die SPD hätten zu ihm gepasst – allen drei sei es ein Anliegen, die Umwelt zu schützen, für die Schwachen in der Gesellschaft zu sorgen und Vermögen gerechter zu verteilen. Doch bei der Linken als kleinster Partei sehe er die schnellste Möglichkeit, politisch Wirkung zu entfalten. Seinen Wahlkampf organisiert er selbst: Er sammelte 200 Unterschriften für die Kandidatur, wirbt für sich auf seiner Homepage, auf Instagram sowie auf Wahlplakaten.
Bei den Landtagswahlen vor fünf Jahren holte Eva-Maria Glathe-Braun für die Linke 2,3 Prozent. Graßhof mache sich daher keine großen Illusionen, in den Landtag zu kommen. Sein Ziel sei ein respektables Ergebnis, um mehr Gehör in seiner Partei zu finden. Er sagt: „Ich würde mich wahnsinnig über ein zweistelliges Ergebnis freuen.“ Wenn er sein Ziel verfehlt, wisse er noch nicht, wie sein politischer Weg weitergeht.
Seit 2024 bei der Linken
Bernd Graßhof ist 65 Jahre alt, verheiratet und Vater von fünf Kindern. Er ist in Hamburg geboren und wuchs in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon auf. Nach Stationen im sauerländischen Menden und Hamburg zog er nach Ulm, wo er 32 Jahre lang lebte und bei Wieland, einem Unternehmen für Kupfer und Kupferlegierungen, arbeitete. Ehrenamtlich engagierte er sich sieben Jahre lang im Vorstand eines Kindergartens.
Heute ist er freiberuflich als Unternehmensberater mit Schwerpunkt auf nachhaltiger Unternehmensentwicklung tätig. Seit 2023 wohnt er in Göppingen. 2024 trat er der Partei Die Linke bei. Er kandidiert laut eigenen Angaben im Wahlkreis Geislingen, weil seine Frau aus Geislingen kommt, ihre Familie dort lebt und er dadurch eine starke Verbindung zur Fünftälerstadt habe. In seiner Freizeit lernt Graßhof surfen, bouldert, joggt, kocht und liest gerne.
