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CSD Rede auf dem Ulmer Marktplatz

 

  
  Christian Stähle

          Stadtrat

 

 Baden - Württemberg

            Landessprecher

Rede auf dem Ulmer Marktplatz am Samstag, den 13. Aug. 2011 für DIE LINKE. zum 1. CSD ULM !

 zulässt, wird nur auf solidarische und demokratische Weise zustande kommen. Dasheißt, es geht aus meiner Sicht nicht nur um die Rechte einzelner kultureller Gruppen. Schwule und Lesben werden erst dann nicht mehr diskriminiert, wenn auch Asylsuchende, Menschen ohne Papiere, Angehörige ethnischer Minderheiten nicht mehr diskriminiert werden. Wenn sich die Gesellschaft selbst gegenüberMinderheiten oder scheinbaren Minderheiten geöffnet hat.

Liebe Bürgerinnen und Bürger, Liebe Schwule und Lesben,

liebe Freunde und Gäste der Regenbogen Comunity hier in Ulm,

ich freue mich, dass ich die Möglichkeit habe als Politiker DER LINKEN auf dem

1. Ulmer Christopher Street Day zu sprechen. In Vertretung meines Ulmer Stadtrats-

Kollegen Uwe Peiker, der Sie herzlich grüßen lässt, stehe ich nun hier. Als Stadtrat

der benachbarten Kreisstadt Göppingen und einem der Landessprecher der

Arbeitsgemeinschaft Queer in Baden - Württemberg, habe ich sehr gerne diese

heutige Aufgabe übernommen. Ich gebe zu, dass ich auf den heutigen 1. Ulmer Gehversuch in Sachen CSD sehr gespannt und auch neugierig bin. Ich freue

mich auf ein tolles Fest und auf gute Denkanstöße für die Betroffenen – nämlich

Uns Allen !

Den Ulmern geht der Ruf voraus, eine Stadt der Lebensfreude zu sein. Schwörmontag, „na baden“ sind weit über die Ulmer Grenzen hinaus bekannt.

Ulm braucht und hat eine diverse Stadtgesellschaft – Ulm ist Stadt der gelebten Vielfalt! Ulm und seine Umgebung profitieren davon, dass Menschen mit unter- schiedlicher sexueller Orientierung hier leben. Je mehr, desto besser - umso mehr

Vielfalt! 

Es wird höchste Zeit, dass Ulm auch in Sachen CSD endlich in der Gegenwart

ankommt und dieser Tag Startschuss für eine zukünftige CSD Parade wie in Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, ja sogar Lörrach wird. Von diesen CSD`s kommen immer wieder neue Anregungen, Einwürfe und auch politische Forderungen, die zum Nachdenken Anlass geben, berechtigt auch provokant sind, aber nie diffamierend und ausgrenzend.

Das in diesem Jahr gewählte Motto: „NEU – ULM outet sich“ ist im positiven

Sinne durchaus hintersinnig. Es fordert dazu auf, sein wahres ich zu zeigen und macht aber auch deutlich wie schwer es immer noch in der heutigen Zeit ist, sich zu seiner sexuellen Orientierung zu bekennen. Die Angst vor Diskriminierung ist immer noch tagesaktuell und furchterregend.

Vor einigen Monaten löste die Tatort - Kommissarin Charlotte Lindholm einen Mord

im Profifußball. Was wir alle wissen, auch dort gibt es Schwule und wenigstens im

Tatort outen sie sich. Die anschließende öffentliche Diskussion über Schwule und Lesben im Fußball zeigte aber deutlich, dass wir noch sehr viel tun müssen, bis es vollkommen unerheblich ist, ob ein Fußballspieler schwul ist oder nicht, eine Fußballspielerin lesbisch ist oder nicht.

Zu verstehen, was Menschen für wichtig empfinden, was ihnen Kraft gibt, Hoffnung

und Optimismus – selbst in schwersten Situationen, macht Toleranz und Akzeptanz

aus! Gleichzeitig ist aber auch zu akzeptieren, dass diese Werte und Ziele sehr

vielfältig sind.

Ich frage mich natürlich als Evangelischer Theologe warum sich manche in diesem

Zusammenhang über die Frage nach dem Glauben aufregen? Warum stört die

Verbindung zwischen Glauben und Sexualität? Ich selbst bin religiös, und ich glaube. Ich glaube an die Unverwechselbarkeit und Einmaligkeit des Menschen, an seine und ihre individuellen Rechte. Ich bin überzeugt, dass diese individuellen Rechte nur auf der Basis von Freiheit in Gleichheit möglich werden können. Gerade hier unter dem Ulmer Münster fordere ich die Kirchen auf, sich noch mehr zu bewegen. Sowohl den protestantischen Freikirchen und natürlich allen voran der katholischen Kirche mit Ihrem reaktionären Benedetto, dem schwulen- und lesbenfeindlichen deutschen Glaubensverhüter muss klar gemacht werden:

EURE DISKRIMINIERUNG IST NICHT VON GESTERN, SONDERN VON VORGESTERN und ist darüber hinaus auch noch UNCRISTLICH ! Benedetto, Schwule und Leseben sind nicht krank - ganz klar krank sind jedoch sexuelle Übergriffe gegenüber Kindern und Jugendlichen!

Ich bin für DIE LINKE politisch tätig, deshalb ist es natürlich auch mein persönlicher

Anspruch, sich mit Blick auf soziale und Freiheitsrechte für die individuellen

Rechtsansprüche von allen lebenden Menschen einzusetzen, unabhängig von

Herkunft, Rasse, Geschlecht, Religion, sexueller Identität, Nationalität, von Menschen mit oder ohne Pass, von Menschen mit oder ohne Behinderung. Armut, soziale und kulturelle Ausgrenzung führen zu einer immer tieferen Spaltung der

Gesellschaft.

Wie zum Beispiel:

  • als Mensch mit Behinderung in Armut zu leben, 
  • als Angehörige/r einer ethnischen Minderheit schwul zu sein,
  • als Lesbe Migrantin oder Asylsuchende zu sein.

Eine tolerante und offene Gesellschaft, die auch in ihrem Alltag keine Dis- kriminierung zulässt, wird nur auf solidarische und demokratische Weise zustande kommen. Das heißt, es geht aus meiner Sicht nicht nur um die Rechte einzelner kultureller Gruppen. Schwule und Lesben werden erst dann nicht mehr  diskriminiert, wenn auch Asylsuchende, Menschen ohne Papiere, Angehörige

ethnischer Minderheiten nicht mehr diskriminiert werden. Wenn sich die Gesellschaft selbst gegenüber Minderheiten oder scheinbaren Minderheiten geöffnet hat.

Deshalb möchte ich hier und heute auch gezielt Bezug auf die Tragödie in Norwegen nehmen. Es handelte sich hier nicht um einen Wahnsinnigen, nein es handelt sich hier um einen fanatischen Rechtsradikalen, der sich gegen Muslime, Sozialisten, Marxisten, Andersdenkende und Anderslebende mit dem Anspruch auf deren Bekämpfung mit aller Gewalt fixiert hat.

Schwule, Lesben, Roma und Juden wurden in unsrem Land mit Andersdenkenden millionenfach ermordet.

Lasst uns gemeinsam auf der Hut sein, dass Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und die Verfolgung Andersdenkender und Anderslebender sich nicht in unserem Land verwurzeln können und so gedeihen und ihre teuflische Saat nicht mörderische Früchte wie in Norwegen tragen können!

Der Kampf, den die Schwulen- und Lesbenbewegung für ihre Rechte führt, hilft

den Alltag zu verändern. Schubladen zu öffnen und selbst nicht zulassen, dass andere in diese Schubladen gesteckt werden, sich nicht nur zu solidarisieren, wenn es darum geht, sich gegenüber Anderslebenden, Andersliebenden durchzusetzen, ist entscheidend.

In 80 Ländern dieser Erde ist Homosexualität verboten. In 8 Ländern steht darauf sogar die Todesstrafe!

Es geht auch besser: Portugal, Spanien, Niederlande, Belgien, Schweden,

Argentinien, das soeben von mir angesprochene Norwegen, ja sogar Südafrika haben die Ehe für Schwule und Lesben vollkommen gleichgestellt. Wir hinken da noch deutlich hinterher.

Deshalb an die SPD und Grünen gerichtet, ebenso wie in Eurer Atompolitik, es rächt

sich, wenn man Flickwerk produziert!

Hättet Ihr es 2001 richtig gemacht, müsstet jetzt nicht nachgebessert werden.

FDP + CDU haben erst letztes Jahr den Antrag der LINKEN im Deutschen Bundestag zur vollkommenen Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule und die Liberalisierung des Adoptionsrechtes verhindert.

Und es wird von unserer Bundesregierung nichts gegen die unverhohlene Dis- kriminierung von Lesben und Schwulen einiger EU Mitgliedsstaaten gemacht. In

Ungarn, Bulgarien, Slowakei, Tschechien, Rumänien steht Homophobie und Gewalt

gegen Schwule und Lesben auf der Tagesordnung. In manchen osteuropäischen Staaten werden CSD-Paraden angegriffen, gibt es Drohungen und Gewalt. Bei Ausschreitungen wie in Prag, Bratislava oder Budapest und anderen Städten, sehen oftmals Politik oder Polizei hinweg, wenn bereits auch im Vorfeld den Veranstalter- Innen mit Wut und Hass begegnet wird.

Aber auch in Deutschland gibt es genügend Grund, sich über die Heuchelei in unserem Alltag aufzuregen. So degradierte das Bundesverfassungsgericht

Lesben und Schwule zu Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern 2. Klasse. Das Gericht lehnte eine Verfassungsbeschwerde zur Verweigerung des „Verheirateten-zuschlags“ für homosexuelle Beamte, die in eingetragener Partnerschaft leben, ab.

Es begründete diese Entscheidung, dass die Ehe nur im Kontext der „Aufgabe der

Kindererziehung“ betrachtet werden könne. Diese Sichtweise widerspricht geltender

Rechtssprechung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) und geht zudem an

der Lebenswirklichkeit vieler „Regenbogenfamilien“ vorbei, die als lesbische oder schwule Paare ihren Kinderwunsch bereits realisiert haben.

Ich finde es auch absurd, wenn noch immer in einigen Bundesländern, Trauungen

zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren verweigert werden oder in Hinterzimmern

stattfinden müssen. Bis zur Abwahl von Mappus galt dies auch für unser Muster-ländle.

Selbstverständlich hat sich im Umgang mit Schwulen und Lesben in der Öffent-lichkeit unseres Landes einiges verändert. Der § 175 ist seit langem Vergangenheit.

Dennoch:

„Schwule Sau“ ist nach wie vor das häufigste Schimpfwort auf deutschen Schul- höfen. Trotz schwuler Politiker und Prominenter sind die deutsche Schulen weit davon entfernt, die sexuelle Selbstbestimmung jedes Einzelnen zu achten. Auffällig ist, wie wenig Schülerinnen und Schüler über diese Thematik wissen. Vor wenigen Wochen war ich an einer Privatschule in Reutlingen zu Gast bei einer Podiums-diskussion im Rahmen des Religions- und Ethikunterrichts mit Vertretern und VertreterInnen aller Parteien außer der CDU. Solche Bildungsveranstaltungen sollten Gang und Gebe an staatlichen Schulen sein. 

Unwissenheit erzeugt Angst und Vorurteile, das macht die Schule zu einem homo- phoben Ort und ein Coming Out in vielen Fällen sehr schwierig. Die Betroffenen machen sich durch ein Coming Out zur Zielscheibe für Diskriminierung und Aus- grenzung. Da ich als Schulpsychologe arbeite, kann ich nur sagen, dass dies zu erheblichen Belastungen führt, wie:

psychosomatischen Störungen, Drogenmissbrauch, Schwierigkeiten bei der

Integration in soziale Netzwerke und Brüchigkeiten in der Bildungslaufbahn und

der Beruflichen Integration.

Wenn man sich vor Augen hält, dass 5% der Heranwachsenden sich als homo- und noch eine höhere Anzahl als bisexuell empfinden – sind das durchschnittlich mindestens 2 Schüler pro Klasse, das ist eine beachtliche Zahl. Ca. 50% versuchen ihre Gefühle zu unterdrücken, insbesondere Mädchen. Die Suizidgefährdung ist viermal so hoch wie bei heterosexuellen Schülerinnen und Schülern.

Deshalb will ich jetzt hier auch deutlich machen:

Homosexualität ist kein Hobby ! Man entscheidet sich nicht dafür homosexuell zu werden, man ist es!

Es ist gut so, dass zunehmend mehr Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen,

sich zu ihrer jeweiligen sexuellen Identität bekennen. Klar ist aber auch, ein Schwuler Regierender Bürgermeister von Berlin, ein Schwuler Außenminister, eine lesbische Tatort-Kommissarin oder lesbische Moderatorin sind noch lange nicht das Ende der Fahnenstange!

Regierende und Prominente tun sich nach wie vor schwer, offen mit dem Thema

umzugehen. Die Grenze der Toleranz scheint bei einigen Politikern und Politiker- innen dann erreicht zu sein, wenn politische Forderungen von der Schwulen- und Lesbenbewegung erhoben werden. Ich finde es gut, dass heute quer durch die

meisten Parteien Widerspruch laut wird. Es ist eben das eine, formal zu akzeptieren,

dass kein Mensch diskriminiert werden darf. Es ist etwas anderes, persönlich Verant- wortung zu übernehmen, dass Akzeptanz und Offenheit gegenüber vielfältigsten Lebensentwürfen und Lebensweisen auch gelebter Alltag werden!

Wir alle, auch Politikerinnen und Politiker, sind heute gefragt, diese Akzeptanz und

Offenheit auch zu leben. Das Recht jedes Menschen auf ein Leben in Würde und in Selbstbestimmung, für das immer mehr Menschen eintreten, ist aus meiner Sicht unverrückbar.

Als Mensch und Politiker weiß ich, dass es in Ulm, unserem Land, in Deutschland und in der Welt noch einiges zu tun gibt, bis wir Diskriminierung und Ungleich- behandlung abgeschafft haben. Wir haben in den letzten Jahren viel an der

gesellschaftlichen und rechtlichen Situation von Lesben, Schwulen und bisexuellen

Menschen verbessern können. Gleichwohl müssen wir achtsam sein und jeder Form

von Homophobie entschlossen entgegentreten.

  • Lasst uns deshalb darauf achten, nur Formulierungen zu verwenden, die vielfältige Lebensweise nicht ausgrenzen! 
  • Mischt euch ein, wenn diskriminierende Äußerungen über Homosexuelle gemacht werden, nehmt es nicht einfach hin! 
  • Informiert euch über örtliche Einrichtungen für Schwule, Lesben,Bisexuelle und Transgender!
  • Greift gezielt Themen auf, die sich auf Schwule und Lesben beziehen! 
  • Signalisiert eine offene und akzeptierende Haltung gegenüber Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgendern!
  • Und ganz wichtig: Achtet darauf, dass ihr Lesbisch- und Schwulsein nicht als Problem, sondern als eine Lebensformneben vielen anderen gleichbedeutend darstellt!

Deswegen ist es richtig, auf die Straße zu gehen! Bunt und kreativ demonstrieren wir gegen die Diskriminierung von Menschen und kämpfen gemeinsam für eine offene Gesellschaft der Vielfalt. Ich freue mich sehr, heute am 1. CSD in Ulm

dabei zu sein und wünsche uns allen einen schönen qeeren Tag!

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