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Gewalt gegen Frauen

Beitrag zum gestrigen "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen"

 

Redebeitrag von Melek Kandilli, Kreisbeauftragte für Frauen und Migrationspolitik, zum gestrigen "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen"


Gewalt gegen Frauen

Gewalt gegen Frauen und Kinder ist alltäglich und kommt in allen gesellschaftlichen Schichten vor – unabhängig von Einkommen, Bildungsstand, Bevölkerungsgruppe, Nationalität und Alter. Die Ursachen liegen im ungleichen Machtverhältnis von Frauen und Männern. Gewalt gegen Frauen dient der Erhaltung dieser Ungleichverteilung der Macht in unserer Gesellschaft.
Nach einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend haben rund 25 % der in Deutschland lebenden Frauen Formen körperlicher oder sexueller Gewalt (oder beides) durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt. Das ist jede vierte Frau in Deutschland.
(repräsentative Studie im Auftrag des BMFSFJ 2004: Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland)

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter:

•     physische Gewalt
•     psychische Gewalt
•     sexualisierte Gewalt
•     ökonomische Gewalt
•     Stalking
•     Frauenhandel
•     Zwangsheirat
•     Genitalverstümmlung
•     Strukturelle Gewalt und Benachteiligung in der Gesellschaft

Die Erwerbsquote der beschäftigten Frauen liegt in Deutschland, mit 66 % Anteil bei Frauen und 75,6% bei Männern, sehr hoch. Leider sind diese Zahlen aber trügerisch, denn die meisten Frauen arbeiten in Teilzeit. In Deutschland hat sich dieses  Zweiverdienermodell, bei dem der Mann Haupternährer ist und in Vollzeit arbeitet und die Frau in Teilzeit, da sie Kinderbetreuung und Haushalt, Pflege der Familienangehörige, usw. übernehmen muss, etabliert. Dieses Modell ist auch im Vergleich zu anderen Erwerbskonstellationen stark angestiegen.

Das männliche Ernährermodell ist weiterhin im Steuersystem (Ehegattensplitting) in der Sozialversicherung (Mitversicherung nichterwerbstätiger Ehepartner) und im Bildungswesen (Halbtagsschule) institutionell verankert.

So bevorteilt das steuerliche Ehegattensplitting auch die kinderlose-Alleinverdiener-Ehe und macht aber gleichzeitig die meist schlechter bezahlte Teilzeitarbeit von Ehefrauen unattraktiv.

Eine bedeutendere Rolle spielt hier die indirekte Diskriminierung. Die kritische Arbeitsbewertungsforschung hat seit langem aufgezeigt, wie die Arbeitsbewertung zur Unterbewertung typischer „Frauenarbeit“ und damit zur indirekten Lohndiskriminierung beiträgt.
So wird häufig in Anforderungskatalogen das Arbeitsmerkmal „Arbeitsschwere“ nicht diskriminierungsfrei ausgelegt.
Die körperliche Belastung bei Krankenpflegerinnen, Serviererinnen oder Kassiererinnen wird kaum berücksichtigt.
Auch die Emotions- und Interaktionsarbeit nicht berücksichtigt, die für personenbezogene Dienstleistung eigentlich kennzeichnend ist. Solche komplexen Arbeitsanforderungen in der Pflege oder Kindererziehung gelten unbewusst häufig noch als „natürlich weiblich“ und nicht lohnrelevant.

 

Hausarbeit und Kindererziehung als unbezahlte Arbeitsanforderung

Haus-, Erziehungs- und Pflegearbeit werden oftmals privat und unbezahlt ausgeführt - zum Großteil von Frauen. Trotz zunehmender weiblicher Erwerbsbeteiligung ist das Privatleben vieler Paare noch immer vom Rollenmodell des Mannes als „Haupternährer“ geprägt.
In den Hausarbeitsverhältnissen, die meist privat, isoliert und unbezahlt geleistet werden und der eigenen Reproduktion, sowie der des Ehepartners, der Erziehung und Sorge der Kinder, sowie Pflege und Betreuung kranker, behinderter und aller Familienangehöriger dienen, arbeiten, aufgrund der traditionellen geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung innerhalb der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft, weit überwiegend Frauen.  Die, in unbezahlter Haus- und Familienarbeit erbrachten Leistungen gehen bisher nicht in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein. Schätzungen zufolge würden sie, wenn ihr Geldwert gemessen würde, etwa ein Drittel des Sozialprodukts moderner Industriegesellschaften ausmachen. Schmid 2004

Auch bei der Anzahl der Alleinerziehenden in Deutschland,  laut einer Statistik die von 2000 – 2014 durchgeführt wurde,  ist die Anzahl der Frauen mit 2.294.000 Mütter weit höher als Männer mit einer  Zahl von 385.000 Väter.
2,3 Millionen Kinder wachsen in Deutschland nur bei einem Elternteil auf. Sie sind laut einer Studie häufiger Arm als Gleichaltrige. Das größte Problem hier sind Unterhaltszahlungen.
Bei 3 von 4 Kindern kommt gar kein oder nur ein geringer Unterhalt an. Viele Mütter arbeiten in Teilzeit, um Arbeit und Familie managen zu können. Das Einkommen reicht oft nicht, um den eigenen Unterhalt und den der Kinder zu decken. Mehr als die Hälfte der Alleinerziehenden ist daher auf Sozialleistungen angewiesen.
Die Zahlungsmoral der Väter nach der Trennung von der Familie ist in Deutschland sehr düster.
Dabei sind die meisten Väter zahlungsfähig und leiden nicht unter Geldnot - laut Bundesagentur für Arbeit.

Die Familienpolitik stärkt aber mit ihren Maßnahmen, wie Kindergeld, vor allem reicherer Familien – durch steuerliche Vorteile. Eltern, vor allem Mütter, aus den untersten Einkommensschichten erhalten oft über die Grundsicherung die gesamten Unterhaltskosten vom Staat, ein zusätzliches Kindergeld gibt es deshalb für sie nicht.
Eine Kindergelderhöhung um 100 Euro, die nur auf Alleinerziehende beschränkt sei, werten die Autoren der Studie hingegen als effektiv.

Neben all den oben erwähnten Problemen, bei denen meistens wirtschaftlich eher Frauen und Kinder benachteiligt werden,  sind auch beim Schutz von, von Gewalt betroffenen Frauen und Kindern radikale Finanzierungslücken und Defizite vorhanden.
In Deutschland gibt es derzeit laut Familienministerium 350 Frauenhäuser und 40 Schutzwohnungen.
Dennoch wurden im Jahr 2011 9000 Frauen abgewiesen, weil Einrichtungen belegt waren.
Wenn die Frauen beim ersten Versuch abgewiesen werden, dann verlässt sie oft der Mut und sie kehren in die Gewalt zu Hause zurück.
Die Leistungen sind bisher freiwillige Zahlungen von Länder und Kommunen.
Wenn es eng wird im Haushalt, dann wird zuerst bei Frauenhäusern gekürzt.
Die Familienministerin Kristina Schröder hat bei ihrer Stellungnahme zum Frauenhausbericht die mangelnde Platzkapazität bei bestehenden Frauenhäusern zwar benannt, aber sah trotzdem keinen Anlass für ein eigenständiges Bundesgesetz.
Bund-, Länder und Kommunen schieben sich das Problem gegenseitig zu.
All diese Kürzungen und die, vom Staat und der Justiz nicht ernst genommene Problematik der Gewalt an Frauen und Kindern geht immer auf Lasten der Frauen, die größtenteils dies sogar mit ihrem Leben zahlen, wie bei der Ermordung der 24 jährigen Sinem aus Donzdorf, die von ihrem Ex-Partner auf offener Straße und vor ihren Kindern mit Messerstichen ermordet wurde. Dabei wurden mehrmals Anzeigen wegen Körperverletzung und Morddrohungen erstattet und der Ex-Mann war der Polizei und den Behörden bekannt.

Die  Einrichtung  einer  interkulturellen Beratungsstelle mit erforderlichen Muttersprachlern  für Gewaltbetroffene Frauen und Kinder ist sehr wichtig und notwendig, da vor allem Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen große sprachliche, sowie kulturelle Handicaps  und Hemmschwellen haben.

Wir wünschen uns alle eine gerechtere Welt, ohne Krieg, Gewalt und Armut. Das können wir nur dann verwirklichen, wenn wir die Ungerechtigkeiten der 2 oder mehreren Klassenschichten, wie Arm und Reich, Frau und Mann, einheimische oder Fremde abschaffen.

Für uns Frauen gibt es, trotz vieler Errungenschaften und fortschrittlicher Reformen durch unseren Kampf in Europa und weltweit, noch einiges zu tun.

Gerechtere Besteuerung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Anerkennung der unbezahlten Haus- und Erziehungsarbeit, gerechte Verteilung des Kindergeldes, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, usw.

Wie unsere Frauenrechtlerin Thresa Kacindamoto müssen wir weiterhin mit Kraft, Mut, Durchsetzungsvermögen vorangehen.

 

In diesem Sinne „ Die Welt gehört den mutigen Frauen“

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