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Protest gegen Festival der Eritreischen Frauenunion

SüdwestPresse/NWZ D.Hülser 23.11.2014


PRESSEECHO:

Protest gegen Festival der Eritreischen Frauenunion(SüdwestPresse/NWZ D.Hülser 23.11.2014)

Die Eritreische Frauenunion feiert in der Werfthalle ihren 35. Geburtstag – das ruft Gegendemonstranten auf den Plan, die in dem Fest eine Propagandashow der Militärdiktatur sehen. Der Protest bleibt friedlich.

Foto:  Giacinto Carlucci

Die Eritreische Frauenunion feiert in der Werfthalle ihren 35. Geburtstag. Vor der Halle versammeln sich Gegendemonstranten, die in dem Fest eine Propagandashow der Militärdiktatur sehen.

 

Der Mann aus Eritrea ist nachdenklich. Zwar demonstriert er in Göppingen gegen das Regime in seinem Heimatland, weil Anhänger der Regierung in der Werfthalle ein buntes Fest feiern, das 35-jährige Bestehen der Eritreischen Frauenunion, eine reine Propagandashow der Regierung, sagen Kritiker. Doch glücklich ist er nicht mit dieser Situation. „Da drüben steht mein bester Jugendfreund“, sagt der 40-Jährige und deutet auf die Gruppe von Menschen vor der Halle – viele in traditionelle Gewänder und Kleider gehüllt. Sie stehen zur Militärdiktatur, jemand hält ein Schild hoch: „Wir unterstützen die eritreische Regierung.“

Erst in dieser Woche hat der UN-Menschenrechtsrat dem Regime wieder schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Am Abend werde er mit seinem Freund wieder in Facebook chatten und darüber streiten, warum der jeweils andere die konträre Position einnimmt, erzählt der Mann, der mit sechs Jahren nach Deutschland kam, hier Abitur gemacht, studiert und eine Familie gegründet hat. Auch sein Lieblingsonkel stehe „da drüben“ meint er bedauernd, beim nächsten Treffen werden auch sie wieder diskutieren. Über ihre Heimat, das Regime, darüber, was richtig und was falsch ist.

Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber

Der Riss geht durch Familien, hat Freundschaften zerstört, seit Beginn des Jahrtausends stehen sich die Lager zum Teil unversöhnlich gegenüber: Alle haben sie von der Unabhängigkeit ihres Landes geträumt, an die Revolution geglaubt. Doch als sich Revolutionsführer Isaias Afewerki auch knapp zehn Jahre nach der Unabhängigkeit von Äthiopien weigerte, Wahlen abzuhalten und die Verfassung in Kraft zu setzen, kippte die Stimmung bei vielen Eritreern. „Wir haben jetzt ein freies Land – aber keine Demokratie“, sagt eine Frau während der Gegendemonstration.

Doch auch der 40-Jährige, der gegen den Diktator auf die Straße geht – und deshalb nicht mehr in sein Heimatland reisen kann – weiß, dass es für sein Land noch ein langer und steiniger Weg ist. „Für Demokratie braucht es ein politisches Bewusstsein“, meint er. „Wenn morgen Wahlen wären, hätten wir wohl 100.000 Parteien“, meint er lakonisch.

Mehrere Redner ergreifen das Wort, prangern die Verhältnisse in dem nordostafrikanischen Land an, immer wieder unterbrochen von Sprechchören wie „Down down with dictator“ oder „Wir wollen Freiheit in Eritrea“. Viele der Demonstranten tragen Stirnbänder mit der Aufschrift „Enough is enough“ – genug ist genug. Auf der anderen Seite der Straße, vor dem Eingang zur Werfthalle, versammeln sich immer mehr Teilnehmer am Jubiläumsfest, mit Gesängen, Trommeln und Tänzen kontern sie die Sprechchöre der Demonstranten.

Etwas ratlos steht der Geschäftsführer des Werfthallen-Besitzers „IVW Immobilien Verwaltung Württemberg“, Wolfgang Traub, vor seiner Halle. „Jede Veranstaltung muss doch vom Ordnungsamt genehmigt werden“, sagt er und meint: „Wenn ich da keinen Hinweis kriege . . .“ Er verweist auch darauf, dass die Frauenunion ja kein verbotener Verein sei und auch gute Dinge tue, so kämpfe sie auch gegen die Beschneidung von Mädchen.

Linken-Stadt- und Kreisrat Christian Stähle unterstützt Traub in seiner kurzen Ansprache: „Ich bedaure zutiefst, dass die Stadtverwaltung und der Gemeinderat dem Vermieter, der nicht detailliert Bescheid wusste, nicht sagten, auf was er sich da einlässt.“ Unter dem Jubel der rund 150 Demonstranten betont Stähle: „Menschenverachtende Politik hat in Göppingen keinen Platz.“ Der 40-Jährige Eritreer schaut hinüber zu seinem Onkel und zu seinem Freund. „Wir Demonstranten können nicht in die Halle“, sagt er bedauernd. In der Tat: Streng bewacht sind alle Eingänge, ohne Einladung kommt niemand hinein. Drinnen wird gefeiert. Ausgelassen tanzen hauptsächlich Frauen zu Livemusik aus ihrer Heimat. Verführerische Düfte von exotischen Speisen ziehen durch den Saal. Ein zufriedener Wolfgang Traub läuft herum und sieht feiernde, freundliche und ausgelassene Menschen. Draußen hört der friedliche Protest um halb sechs auf – nach vier Stunden.


 Christian Stähle (KrR/StR)

     Fraktionsvorsitzender

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