SO GESEHEN: Der umgedrehte Stuhl
Artikel zur AfD-Veranstaltung am 11.02. in Geislingen und der Gegendemo des breiten Geislinger Bündnisses gegen Rassismus und Gewalt.
(SüdWestPresse / Geislinger Zeitung 12.02.2016, K. Dyba)
PRESSEECHO:
(SüdWestPresse / Geislinger Zeitung 12.02.2016, K. Dyba)
SO GESEHEN: Der umgedrehte Stuhl
Drinnen schwarz-rot-goldene Fähnchen, draußen rote Fahnen. Drinnen schimpft man über manipulative Fragen der Journalisten, draußen schimpft man über eklatanten Rassismus. Drinnen Gejohle, draußen Gejohle.
Drumherum Polizisten, voll aufgerödelt.
Nein, das ist nicht Göppingen. Das ist das sonst so beschauliche Geislingen. Auch wenn da plötzlich ein Göppinger auftaucht und sich – wie immer – seine stets gute Laune nicht nehmen lässt: Christian Stähle, an den man sich im Raum Geislingen noch erinnert, weil er vor einem Jahr in Bad Ditzenbach Bürgermeister werden wollte. In Göppingen sitzt er für die Linkspartei im Gemeinderat und im Kreistag, wo er mit seinen Wortmeldungen zumindest den Unterhaltungswert des jeweiligen Sitzungsmarathons steigert.
Stähle geht erst zur Demo mit den roten Fahnen und dann in den Kapellmühlsaal. Dort unkt die AfD, man könne ihre Veranstaltung nicht besuchen, ohne als Nazi zu gelten. Stähle dagegen fürchtet nicht, abgestempelt zu werden: „Es weiß doch eh jeder, in welches Lager ich gehöre“, feixt er. „Ich will jetzt mal wissen, mit wem ich es da zu tun habe.“ So viel Mut?
Naja, meint Stähle, bei einer richtig rechtsradikalen Partei würde er „im Leben nicht“ auftauchen. Vor der AfD habe er keine Angst. Deren Landtagskandidaten Heinrich Fiechtner spricht er sogar Eloquenz zu, „er hat das auch nicht schlecht gemacht“. Doch als Gastredner Björn Höcke ans Rednerpult geht, steht Stähle auf, dreht seinen Stuhl um und dem Redner demonstrativ den Rücken zu. Das habe er auch schon beim Göppinger Oberbürgermeister Guido Till (CDU) getan, sagt Stähle.
„Ich wollte zeigen, dass ich nicht zu dieser Sippe gehöre.“ Doch die „Sippe“ um ihn herum müsste ihm ziemlich bekannt vorkommen: Viele Menschen, die sich gern als „der kleine Mann“ bezeichnen, darunter womöglich Geringverdiener, Hartz-IV-Empfänger, Rentner mit zu kleiner Rente. Also eigentlich Wählerpotenzial für Stähles Linkspartei. Ja, sagt Stähle, es seien „Menschen, die unzufrieden sind“, die eben auch bei der AfD ihr Heil suchen. Es sei deren „klassische Masche“, die soziale Ungerechtigkeit als Köder zu nutzen. Stähle analysiert: „Es geht um die Ungerechtigkeit der etablierten Parteien“.
Ganz nebenbei: So hätte es auch die Linkspartei einmal fast geschafft, im Stuttgarter Landtag zu landen. Wenn sich jetzt aber die Linkspartei mit der AfD beschäftigt, keimt dazwischen eine vage Hoffnung für die Landtagswahl: Wenn zwei sich streiten, freut sich vielleicht die Mitte.
