Stadt- und Kreisrat Christian Stähle hat auch Lust auf den Landtag
SüdwestPresse/NWZ 3.03.2016, Jürgen Schäfer
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SüdwestPresse/NWZ 3.03.2016, JÜRGEN SCHÄFER
Stadt- und Kreisrat Christian Stähle (Die Linke) hat auch Lust auf den Landtag
Bildung, Finanzen, innere Sicherheit, Infrastruktur. Wohin geht die Reise in den kommenden fünf Jahren? Die NWZ stellt die aussichtsreichsten Landtagskandidaten vor. Heute: Christian Stähle von der Linken.

Foto: Staufenpress
Er hat Lust auf den Landtag. Christian Stähle, ebenso leidenschaftlicher wie umstrittener Göppinger Stadtrat und Kreisrat der Linken, hat auch Interesse an der Landespolitik. "Sehr sogar", betont der 56-Jährige. Schon vor fünf Jahren hat er für den Landtag kandidiert. Damals sah es gar nicht so schlecht aus für seine Partei. Wenn es die fünf, sechs Prozent geworden wären, vielleicht wäre Stähle drin gewesen. Jetzt erlebt er wieder ein Auf und Ab in den Umfragen. Hoffnungen? Stähle malt sich das nicht aus, wie es wäre, im Landtag zu sitzen.
Es schlösse sich ein Kreis. In Stuttgart hat er lange gelebt, er war dort Kreisvorsitzender der PDS. Er belässt es bei einem augenzwinkernden Satz: "Die hätten ihren Spaß mit mir." Nein: Er gehe ganz entspannt mit der Situation um, sagt Stähle. Kein Wahlkampffieber. "Ich lebe in der Gegenwart, nicht in der Zukunft." Dahinter steht eine harte Erfahrung. Zweimal war er schwerkrank, hatte Krebs. Jahrelang konnte er nicht arbeiten, hatte kein Geld. Stähle ist alles andere als ein Salon-Linker. "Ich weiß, wie es ist, von der Hand in den Mund zu leben."
Das hat er nicht gebraucht, um sozial zu denken. Das sage ihm schon das Evangelium. Stähle kommt aus einem christlichen Elternhaus, war Helfer im Kindergottesdienst (Oberhofenkirche), studierte Theologie. Das ist die eine Prägung. Die andere: In seiner Familiengeschichte steckt die Sozialdemokratie, eine Urgroßmutter wurde "Rote Paula" genannt. Ein Erbstück von ihr begleitet ihn durchs Leben, ein ausladender und schon mehrfach neu bezogener Sessel, in dem er sich Muße gönnt, wenn es sein Arbeitstag und die Kommunalpolitik hergeben: Lesen, Musik hören - von "Haydn bis One Republic".
"Sozial, weltoffen, ökologisch" - so präsentiert sich die Linke im Wahlkampf. Das könnten auch andere Parteien sagen. "Aber ob sie es mit Leben füllen?", fragt Stähle. Er fordert einen tragfähigen sozialen Wohnungsbau, Schulessen für Kinder, Ganztagesbetreuung auf Wunsch, das Sozialticket für Bus und Bahn. Letzteres wollten die Grünen auch, hätten es aber in der Regierung nicht umgesetzt. Für den ÖPNV müsse deutlich mehr Geld fließen statt für neue Brücken und Tunnel. Ohne Bus hätten junge Leute auf dem Dorf das Nachsehen, und dort gebe es auch weiße Flecken der Breitbandversorgung. Bildungspolitik heißt für ihn: flächendeckende Gemeinschaftsschule, Festhalten am Gymnasium. Beeindruckt hat ihn, wieviel Geld die Skandinavier in ihre Schulen steckten, "die sehen aus wie Eingangshallen für Daimler". Weltoffen - das lebt er. "Ich engagiere mich intensiv für Flüchtlinge."
Wenig überraschend, wie der Kandidat Stähle sich den Wählern empfiehlt: "Unbeugsam, hartnäckig, konsequent für Bürgerbelange." Unbequem - das ist sein Politikstil. "Es geht nur so", sagt er. "Wir sind nicht gewählt, um auf dem Kuschelsofa zu sitzen." Das sieht er auch vom Wähler honoriert. Bei der Kreistagswahl habe er ein Direktmandat geholt - durch Stimmen für ihn persönlich, nicht für die ganze Liste. Er erlebe oft, dass ihm Leute anderer Couleur sagten: "Jemand wie Sie brauchen wir." Dass andere ihn für einen Querkopf halten, hält er aus. "Ich lebe damit." Aber manches gehe ihm schon unter die Haut. So hartnäckig er streiten kann: "Privat bin ich eher harmoniebedürftig."
Zur PDS, heute die Linke, ist Stähle gegangen, weil sie die einzig pazifistische Partei gewesen sei, sagt er. Nicht nur, aber vor allem deswegen. Er kam aus der christlichen Friedensbewegung, war in Mutlangen dabei und bei der Demo gegen den Nato-Doppelbeschluss in Bonn. Und das ist für ihn auch wieder Gegenwart. "Wenn ich als Christ die Bergpredigt ernsthaft umsetzen will, darf ich nicht auf Menschen an Grenzen schießen. Ich darf überhaupt nicht schießen."
Zur Person
Geboren 1959 in Göppingen
Wohnt jetzt in Göppingen
Schule 1979 Abitur in Kirchheim/Teck, Schlossgymnasium
Studium Theologie, Psychologie, Publizistik und Kommunikationswissenschaften (alle mit Abschluss) in Nürnberg, Bochum, Münster und Tübingen
Stationen angestellter Psychologe, Personalchef in drei größeren Firmen, selbstständiger Psychologe im Allgäu und heute in Stuttgart, letzteres als Schulpsychologe und teils in einer Gemeinschaftspraxis
Politik 2001 in die PDS eingetreten (seit 2007 Die Linke), Kreisvorsitzender in Stuttgart und im erweiterten Landesvorstand 2003 bis 2007, seit 2009 Stadtrat in Göppingen, seit 2014 im Kreistag, 2009 bis 2015 Kreisvorsitzender in Göppingen, seit 2014 einer der vier Bundessprecher der Arbeitsgemeinschaft Kommunalpolitik der Linken
